Eingang des Schlosses Mondsee mit historischer Fassade und offener Toranlage
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Die Geschichte des Kloster und später Schloss Mondsee ließt sich wie ein spannendes Buch

Rettung. Reichtum. Und geschmuggelt wurde auch.

Wir schreiben das Jahr 1748 und feiern einen runden Geburtstag. Das Schloss, damals – noch! – ein schmuckes Kloster, wird 1.000 Jahre alt. Wenn das kein Grund für ausgelassene Feste ist! Von allen Seiten, aus dem fernen Salzburg, dem nahen Thalgau, aus St. Lorenz und auch aus Innerschwand strömen die Menschen nach Mondsee, insgesamt wohl an die 80.000 Gäste: ganz normales Volk, aber auch der Kardinal aus dem bayerischen Passau, zu dessen Bistum Mondsee im 18. Jahrhundert gehört. Dazu jede Menge Gesandte, Äbte aus den Nachbarklöstern, Musikanten aus Mondsee und anderswo, fahrende Gaukler und Künstler, Damen des leichten Gewerbes.

Eine ganze Woche lang dauern die Feiern, vor allem Prozessionen sind überliefert. Direkt vor der Kirche werden sechs Steinplastiken installiert, in ihrem Innenraum erzählen zehn neu geschaffene, großformatige Bilder aus der abwechslungsreichen Geschichte der letzten zehn Jahrhunderte – eine Reportage in Übergröße, mit allem was dazugehört: Reichtum, Flucht und Intrige, und schließlich auch ein echter Mord. Dass es auch in den Gasthäusern und Tavernen, von denen einige bis heute existieren, zum Jubiläum hoch her geht – daran besteht bis heute kein Zweifel. Am vorletzten Tag des Festes findet dann eine feierliche Messe in der Klosterkirche statt: das Ordensgelübde von Opportunus Dunkel, dem ehemaligen Pfarrer von Oberwang, einem geschichtsträchtigen Ort in der Nachbarschaft. Gut 600 Jahre zuvor war dort der unbeliebte Abt Konrad auf dem Heimweg nach Mondsee ermordet und später selig gesprochen worden.

Bevor Opportunus 1773 zum Abt des Klosters und damit zu einem späten Nachfolger des Ermordeten wird, hat der promovierte Jurist und Theologe an der Salzburger Universität gelehrt und auch im Kloster Mondsee unterrichtet – zunächst als ganz normaler Ordensbruder. Klosterchef? Das ist keine leichte Aufgabe für den letzten Abt in Mondsee, denn mehrere Ereignisse bringen unerwartete und einschneidende Veränderungen mit – und das Klosterleben kräftig durcheinander.

Mondschein-Rettung in letzter Minute

Mit einem, wenn auch vergleichsweise kleinen Missgeschick beginnt genau tausend Jahre früher die Geschichte der Markgemeinde Mondsee, die gleichzeitig auch die des Klosters und späteren Schlosses ist. Der bayerische Herzog Odilo hat sein Heimatland in mehrere Bistümer aufgeteilt, darunter Regensburg, Freising, Passau und Salzburg. Dazu muss er viel umherreisen – im frühen Mittelalter alles andere als ein Spaziergang.

Eines Tages jedenfalls, auf der Jagd im schönen Mondseeland, verirrt sich der Herzog mit seinem Gefolge, hoch oben zwischen Felsen und Dickicht nahe der Drachenwand. Wo heute verletzte Bergsteiger und übermütige Touristen in wenigen Minuten, aber für sehr viel Geld per Helikopter geborgen werden können, ist damals von fremder Hilfe keine Spur. Lediglich der Vollmond lässt sich ab und zu durch die Wolken blicken – und zeigt den müden Jägern den rettenden Weg aus den Bergen zum im fahlen Mondschein glitzernden See. Erleichtert, dem drohenden Tod von der Schippe gesprungen zu sein, beschließt Herzog
Odilo, hier, an den Ufern des heutigen Mondsees, ein Kloster errichten zu lassen. Neun Jahre später dann ist es soweit: Wahrscheinlich sind es Benediktinermönche aus dem italienischen Montecassino, die das neu gebaute Kloster 748 mit Leben erwecken.

Bald gehört das Kloster in Mondsee nicht nur zu den wichtigsten, sondern auch zu den reichsten im ganzen Land. Karl der Große schenkt es als Zeichen der Anerkennung seinem Hofkaplan, dem späteren Erzbischof von Köln. Wenige Jahre später schon gehört es zum Bistum von Regensburg und wird, nach und
nach, zu einer weit bekannten Schreibschule und einem Zentrum der Buchmalerei. Neben vielen anderen bibliophilen Kostbarkeiten entstehen hier, in Mondsee, zwei herausragende Werke: das älteste Buch Österreichs, das noch heute vollständig erhalten ist, und die erste Übersetzung eines Bibelteils in deutsche, eher wohl bayerische Sprache, der „Mondseer Matthäus“.

Viele Ereignisse und Besitzerwechsel später, Anfang des 15. Jahrhunderts, ist in Mondsee und seinem Kloster immer noch eine Menge los. Wenn auch die Reformation sich letztlich nicht durchsetzen wird, so modernisiert sich das Kloster inhaltlich wie äußerlich: Das Leben hinter den Mauern wird neu organisiert
und damit wesentlich attraktiver als zuvor – für viele junge Männer ist eine Karriere als Mönch nun wieder eine Option.

Von außen betrachtet erstrahlen die Gebäude jetzt in neuem Glanz – stolz überragt von der bis 1487 neu gebauten Klosterkirche, die bis
heute das Ortsbild von Mondsee prägt, inzwischen allerdings mit barockem Portal. Und auch hinter den Klostermauern geschieht bis weit ins 17. Jahrhundert sehr viel: Der gesamte Gebäudekomplex wird nach und nach grundlegend renoviert, der alte, häufig von Hochwasser überflutete Kreuzgang ist jetzt angehoben und vor allem trocken. Darunter entsteht ein weitläufiger Keller. Und der historische Kapitelsaal mit seinem gotischen Kreuzrippengewölbe wird fortan von vier großen und gleichmäßigen Gebäudeflügeln rund um einen kleinen Innenhof ergänzt. Der Stolz des Klosters, seine Bibliothek, entwickelt sich prächtig – immerhin wurde hier das erste Klostergymnasium Oberösterreichs gegründet.

Katastrophe oder Chance: Die Marktgemeinde brennt

Am 9. Mai 1774, einige Jahre nach der rauschenden 1000-Jahr-Feier, kommt es zu einer Katastrophe: Gegen Mittag bricht in einem Mondseer Gasthaus ein verheerender Brand aus, der sich blitzschnell im ganzen Ort verbreitet. Fast alle Gebäude, und eben auch das Kloster, sind stark beschädigt, denn eine Feuerwehr wie heute, die gibt es noch nicht.

Von den knapp 200 Häusern der Marktgemeinde müssen 148 neu errichtet werden. Eine große Renovierungswelle rollt durch den Ort – teuer
zwar, aber eigentlich eine tolle Gelegenheit für die Eigentümer, schöner und auch wesentlich größer zu bauen. Auch die zerstörten Zwillingstürme der Klosterkirche baut man wieder auf, sie sind jetzt allerdings zwanzig Meter niedriger als vor der Katastrophe. Die Ursache für den Brand wird
übrigens nie genau ermittelt. Angeblich soll eine verlassene Ehefrau, die seit einigen Tagen im Gasthof wohnt, das verheerende Feuer gelegt
haben – beweisen aber kann man es ihr nicht.

Ob auch die zweite Veränderung, die weniger die Marktgemeinde als vielmehr das Mondseer Kloster betrifft, tatsächlich eine Katastrophe ist, darüber lässt sich geteilter Meinung sein. Österreichs Kaiserin Maria-Theresia, eine gläubige und konservative Frau, sieht es wohl so, denn sie muss ab 1765 – nunmehr als Witwe – die Regierungsverantwortung mit einem Menschen teilen, der gegensätzlicher nicht sein könnte: ihrem eigenen Sohn, Kaiser Joseph II. Als glühender Anhänger der Aufklärung und Verfechter eines starken Staats ist ihm die undurchsichtige und ohne jede Regierungskontrolle ausgeübte Macht vieler Klöster in
Österreich ein Dorn im Auge. Und natürlich auch ihr teils erheblicher Reichtum. Der Kaiser möchte jetzt klare Verhältnisse: Alle Klöster, die in seinen Augen „unnütz“ sind, weil sie sich nicht bei der Krankenpflege oder in anderen sozialen Aktivitäten engagieren, und die, die über ausgedehnte Besitztümer verfügen, werden nach und nach aufgelöst. Dazu gehört auch das Kloster Mondsee, dem man sogar eine gewisse Nähe zum grenznahen Schmuggel unterstellt. So
fromm die Klöster nach außen hin wirken: In Wahrheit handelt es sich um große und reiche Wirtschaftsbetriebe, die sehr wohl wissen, wie sich Geld und Einfluss vermehren lassen.

Die Auflösung geschieht schleichend: Nach dem Tod Abt Opportunus Dunkels gibt es keinen Nachfolger mehr, die Priester unter den Ordensbrüdern werden auf umliegende Gemeinden verteilt. Ihr Geld erhalten sie von nun an direkt aus der Kasse des von Kaiser Joseph II. gegründeten Religionsfonds. Der wird, Ironie des Geschehens, zunächst auch mit den Klostereinnahmen von Mondsee gefüllt. Im Herbst 1791 ist dann aber endgültig Schluss, das älteste Kloster mit seiner inzwischen 1043jährigen Vergangenheit ist nun selbst Geschichte.

Ein Schloss als Dankeschön

Auch im restlichen Europa knirscht es gewaltig: Napoleon, streitlustiger und kompromissloser Oberbefehlshaber der französischen Armee, ist offensichtlich nicht zu stoppen und gewinnt eine Schlacht nach der anderen – ein großer Teil Europas wird von ihm und seinen Truppen kontrolliert, auch Österreich. Mit an seiner Seite kämpft Carl Philipp Fürst von Wrede, in Heidelberg geboren und seit 1803 General der bayerischen Truppen.

Offensichtlich sehr erfolgreich, denn Napoleon ist so begeistert, dass er ihm als Dank für außergewöhnliche Leistungen mehrere Klöster schenkt – darunter auch das von Mondsee. Dass von Wrede mit seinen bayerischen Truppen später die Seiten wechselt, ändert an diesen Besitzverhältnissen nichts. Napoleon soll schließlich scheitern, während es von Wrede auf den wichtigsten Posten außerhalb des bayerischen Königshauses schafft: Er wird Präsident des Reichsrats im benachbarten Bayern.

Trotzdem findet er immer wieder Zeit, sich um seine Besitzungen und Untertanen in Mondsee zu kümmern. Aus dem alten Kloster mit seinen vielen, inzwischen auch prunkvollen Sälen und Räumen ist längst das Schloss Mondsee geworden, von dem aus ganz unterschiedliche Geschäfte erfolgreich betrieben werden: von Wrede kümmert sich häufig persönlich um die Vieh- und Landwirtschaft, führt ertragreichere Tierrassen aus anderen Ländern ein,
bringt den später weltberühmten Mondseer Käse auf den Weg.

Ein wagemutiges Projekt des Fürsten allerdings bleibt in der Planungsphase stecken: Die Erweiterung des Übergangs vom Mondsee zum Attersee – und damit eine durchgehende Schiffsverbindung von Mondsee bis in die Donau – ist ein visionärer Traum. Bis heute.

176 Jahre bleibt das Schloss im gräflichen Familienbesitz. Nach und nach allerdings verlieren die Inhaber an Einfluss: Recht wird zwar noch immer in den Räumen des Schlosses gesprochen, Hochzeiten werden geschlossen, jedoch von unabhängigen, staatlichen Beamten und Richtern.

©Rüdiger Niemz

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