Mondschein-Rettung in letzter Minute
Mit einem, wenn auch vergleichsweise kleinen Missgeschick beginnt genau tausend Jahre früher die Geschichte der Markgemeinde Mondsee, die gleichzeitig auch die des Klosters und späteren Schlosses ist. Der bayerische Herzog Odilo hat sein Heimatland in mehrere Bistümer aufgeteilt, darunter Regensburg, Freising, Passau und Salzburg. Dazu muss er viel umherreisen – im frühen Mittelalter alles andere als ein Spaziergang.
Eines Tages jedenfalls, auf der Jagd im schönen Mondseeland, verirrt sich der Herzog mit seinem Gefolge, hoch oben zwischen Felsen und Dickicht nahe der Drachenwand. Wo heute verletzte Bergsteiger und übermütige Touristen in wenigen Minuten, aber für sehr viel Geld per Helikopter geborgen werden können, ist damals von fremder Hilfe keine Spur. Lediglich der Vollmond lässt sich ab und zu durch die Wolken blicken – und zeigt den müden Jägern den rettenden Weg aus den Bergen zum im fahlen Mondschein glitzernden See. Erleichtert, dem drohenden Tod von der Schippe gesprungen zu sein, beschließt Herzog
Odilo, hier, an den Ufern des heutigen Mondsees, ein Kloster errichten zu lassen. Neun Jahre später dann ist es soweit: Wahrscheinlich sind es Benediktinermönche aus dem italienischen Montecassino, die das neu gebaute Kloster 748 mit Leben erwecken.
Bald gehört das Kloster in Mondsee nicht nur zu den wichtigsten, sondern auch zu den reichsten im ganzen Land. Karl der Große schenkt es als Zeichen der Anerkennung seinem Hofkaplan, dem späteren Erzbischof von Köln. Wenige Jahre später schon gehört es zum Bistum von Regensburg und wird, nach und
nach, zu einer weit bekannten Schreibschule und einem Zentrum der Buchmalerei. Neben vielen anderen bibliophilen Kostbarkeiten entstehen hier, in Mondsee, zwei herausragende Werke: das älteste Buch Österreichs, das noch heute vollständig erhalten ist, und die erste Übersetzung eines Bibelteils in deutsche, eher wohl bayerische Sprache, der „Mondseer Matthäus“.
Viele Ereignisse und Besitzerwechsel später, Anfang des 15. Jahrhunderts, ist in Mondsee und seinem Kloster immer noch eine Menge los. Wenn auch die Reformation sich letztlich nicht durchsetzen wird, so modernisiert sich das Kloster inhaltlich wie äußerlich: Das Leben hinter den Mauern wird neu organisiert
und damit wesentlich attraktiver als zuvor – für viele junge Männer ist eine Karriere als Mönch nun wieder eine Option.
Von außen betrachtet erstrahlen die Gebäude jetzt in neuem Glanz – stolz überragt von der bis 1487 neu gebauten Klosterkirche, die bis
heute das Ortsbild von Mondsee prägt, inzwischen allerdings mit barockem Portal. Und auch hinter den Klostermauern geschieht bis weit ins 17. Jahrhundert sehr viel: Der gesamte Gebäudekomplex wird nach und nach grundlegend renoviert, der alte, häufig von Hochwasser überflutete Kreuzgang ist jetzt angehoben und vor allem trocken. Darunter entsteht ein weitläufiger Keller. Und der historische Kapitelsaal mit seinem gotischen Kreuzrippengewölbe wird fortan von vier großen und gleichmäßigen Gebäudeflügeln rund um einen kleinen Innenhof ergänzt. Der Stolz des Klosters, seine Bibliothek, entwickelt sich prächtig – immerhin wurde hier das erste Klostergymnasium Oberösterreichs gegründet.